Vorwort für die deutsche Ausgabe
Man sagt „Wissen ist Kraft“. Ich ergänze den Gedanken und sage „Unwissenheit ist eine treibende Kraft!“. Das Buch, das Sie gerade in den Händen halten, entstand aus Unwissenheit. Aus der Unwissenheit, wie man Kino macht.
Ich studierte Jura, arbeitete nach der Demobilisierung als Foto-Reporter und zeichnete Witze für Zeitungen, aber ich habe immer vom Kino geträumt. Das hatte ich von meinem Vater geerbt. Um dem Traum näher zu kommen, nahm ich 1959 eine Stelle als Werbefotograf im Filmstudio in Riga an.
Mit dem Studium hatte es nicht geklappt, und es war auch zu spät – ich sollte bald 33 werden. Bei der Arbeit beobachtete ich die Aufnahmen und die Montage und schrieb einige Skripte, die zu Kurzfilmen verfilmt wurden. Einer davon – Baltie Zvani/Die weißen Glocken – erhielt sogar Preise bei den Filmfestspielen in Oberhausen und San Francisco. „Sal’a Maize/Das salzige Brot” und „Reportazh Goda/Die Jahresreportage” erhielten Preise in der Sowjetunion.
Ich hatte Glück: In der Abteilung Kinochronik des Filmstudios lernte ich junge Dokumentarfilmer kennen, Studenten des VGIK und Journalisten, die wie ich vom neuen Kino träumten. Uldis Brauns, Ivars Seletskis, Aivars Freimanis, Gunars Piesis, Aloizs Brenchs … Später nannte man uns „Neue Welle“, die „Rigaer Schule“, aber damals wussten wir das noch nicht, damals fing alles erst an.
Ich empfand mich selbst schon als Dokumentarfilmemacher, aber als ich anfing, eigene Filme zu machen, als Regisseur und Drehbuchautor, fühlte ich plötzlich, dass ich vieles nicht weiß und nicht verstehe. Das führte zu einer schweren Krise. Ich hörte auf mit dem Filmen, und fing an darüber nachzudenken, was passiert, wenn wir versuchen das reale Leben auf Film festzuhalten.
Warum atmet der Bildschirm hier, und dort nicht? Wie entsteht ein Bild? Was ist ein Drehbuch für einen Dokumentarfilm? Kann es so etwas überhaupt geben, und ist so etwas nötig? Dieses Buch ist das Ergebnis dieser Nachforschungen, ein Zeugnis der Zeit, in der die „Rigaer Schule des poetischen Kinos“ geboren wurde.
Vor etwa zwei Jahren machte ich die Bekanntschaft eines kompromisslosen jungen Dokumentarfilmemachers – Alexander Rastorgujev – der das sogenannte reale, harte Kino praktiziert. Wir unterhielten uns, und er erzählte, bei seiner Arbeit hätte ihm ein unbekanntes Buch ohne Anfang und Ende geholfen. Er wisse nicht einmal, wer es geschrieben hätte, denn bei seinem Exemplar fehlte der Umschlag.
Er führte einige Zitate an, und ich verstand, dass er „Die Karte des Ptolemäus“ meint. Ich habe ihn daraufhin beruhigt, dass der Autor vor ihm säße und Anfang und Ende des Buches auswendig wüsste. Sie leben also! – rief er und lachte laut. – Und ich dachte schon …
Seit dem ersten Erscheinen des Buches sind 30 Jahre vergangen. Vieles hat sich verändert, in der Welt und darin, wie wir Dokumentarkino verstehen. Wird dieses Buch noch den modernen Leser interessieren? Ich wage es zu hoffen. Unser Kino war nicht politisch, im Mittelpunkt stand immer der Mensch! Und der hat sich wenig verändert.
Herz Frank, Riga, August 2006