Auf dieser Website wird ein Buch vom lettischen Dokumentarfilmregisseur Herz Frank vorgestellt. Sie finden Sie Informationen zum Autor, zum Buch und ein Bestellformular.

Die Spur der Seele

Zuerst werde ich ein Gleichnis erzählen.
An einem Herbstmorgen sahen einmal einige Männer Tau an einem Altweiberspinnengewebe. Einer sagte:
„Das sind die idealen Tropfen. Allein durch das Wirken der Molekularkräfte, wenn der Einfluss der Schwerkraft nicht mehr spürbar ist, oder beim freien Fall strebt eine Flüssigkeit immer danach, ihre Oberfläche auf ein Minimum zu reduzieren, d.h. die Form einer Kugel anzunehmen …“
Der andere sagte:
„Was für ein großartiges Material! Der Querschnitt von einem siebentausendstel Millimeter Spinnengewebe kann sich um zwölf Prozent dehnen. Es ist stärker als Stahl! …“
„Und wisst ihr, Freunde, wessen Arbeit das ist?“ schaltete sich der Dritte ein. „Das hat Arachna getan … In der altgriechischen Mythologie hatte der Färber Idmon eine Tochter Arachna. Sie erlernte bei Afina Pallada die Kunst des Webens und erkühnte sich, ihre göttliche Lehrerin zum Wettkampf herauszufordern. Die Göttin nahm die Gestalt eines alten Weibes an und versuchte vergeblich, ihr diese dreiste Absicht auszureden. Letztendlich fand der Wettkampf statt, doch endete er für Arachna tragisch. Sie hatte einen äußerst feinen Stoff angefertigt, auf dem die Liebesabenteuer der Götter dargestellt waren. Die erzürnte Afina zerriss den Stoff, und aus Verzweiflung darüber nahm sich Arachna das Leben. Da erbarmte sich die Göttin des Mädchens und brachte sie ins Leben zurück, allerdings in der Gestalt einer Spinne …“ „Ach, deshalb nennt man in der Zoologie Spinnenarten Arachnida!“ – sagte verwundert der Vierte.
In dieser Zeit begann die Sonne die Luft zu erwärmen, und vom Spinnennetz löste sich ein Tropfen.
„Die Schwerkraft,“ sagte der eine.
„Die Träne der Arachna …,“ sagte der andere.
Dort war auch ein Dokumentarist. Er sagte nichts. Er machte ein Bild …

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